Ein Angebot für eine zertifizierte KI-Schulung verweist auf Artikel 4 der KI-Verordnung und behauptet, das Zertifikat sei die Antwort auf eine gesetzliche Pflicht. Der Verweis stimmt, die Schlussfolgerung nicht ganz.
Das Wichtigste in Kürze
- Artikel 4 verlangt Förderung von Kompetenz. Ein Zertifikat steht im Wortlaut nicht, das gilt seit dem Digital Omnibus noch deutlicher als vorher.
- Ein Zertifikat belegt Teilnahme, nicht automatisch die gesetzlich verlangte Angemessenheitsprüfung.
- Ein Zertifikat kann trotzdem sinnvoll sein, aus anderen Gründen als einer Rechtspflicht.
- Eine dokumentierte eigene Praxis erfüllt denselben Zweck, ohne etwas zu kaufen.
Was Artikel 4 verlangt
Der EU AI Act legt Regeln für Entwicklung und Einsatz von KI-Systemen fest. Artikel 4 richtet sich an Anbieter, die KI-Systeme bereitstellen, und an Betreiber, die sie in ihrer Organisation einsetzen. Für einen Verein wird er relevant, wenn Mitarbeitende oder Ehrenamtliche im Auftrag des Vereins mit KI arbeiten, etwa Texte zusammenfassen oder Anträge vorbereiten.
Artikel 4 verpflichtet diese Organisationen seit dem 2. Februar 2025, die KI-Kompetenz ihres Personals und weiterer Personen zu fördern, die für sie mit KI arbeiten.[1] Seit dem 27. Juli 2026 gilt eine abgeschwächte Fassung: Statt ein Kompetenzniveau sicherzustellen, müssen Organisationen es durch geeignete Maßnahmen fördern.[2] Ein bestimmtes Ergebnis schuldet niemand mehr.
Was ein Zertifikat davon abdeckt
Ein Zertifikat bestätigt, dass jemand an einer Schulung teilgenommen hat. Was Artikel 4 verlangt, ist etwas anderes: eine Maßnahme, die zu den technischen Kenntnissen, der Erfahrung und dem Einsatzkontext der Beteiligten passt. Ein pauschales Zertifikat, das für jede Organisation gleich aussieht, belegt diese Passung nicht von selbst.
Das erklärt, warum die Verpflichtungsbehauptung mancher Anbieter zu weit geht. Ein Angebot, das ein Zertifikat als gesetzlich vorgeschriebene Lösung darstellt, setzt einen Teilnahmenachweis mit der im Gesetz beschriebenen Angemessenheitsprüfung gleich, obwohl beides unterschiedliche Dinge sind.
Wann ein Zertifikat trotzdem sinnvoll ist
Unabhängig von der Rechtsfrage kann ein Zertifikat aus anderen Gründen nützlich sein: für eine Bewerbung, für einen Förderantrag, oder weil ein externer Partner einen formalen Nachweis verlangt. Diese Gründe bestehen unabhängig davon, was Artikel 4 vorschreibt, und sie sind eine legitime Kaufentscheidung.

Eine Randfrage lohnt sich dabei: Vergibt ein System ein Zertifikat automatisch auf Basis einer maschinellen Auswertung, könnte das selbst in den Bereich der Bewertung von Lernergebnissen fallen, den die KI-Verordnung als hochriskant einstuft.[3] Die zugehörige Betreiberpflicht greift seit dem Digital Omnibus erst ab dem 2. Dezember 2027,[4] aber die Einordnung selbst gilt unabhängig vom Zeitpunkt.
Für die meisten Vereine bleibt das eine Randfrage, weil automatisierte Zertifikatsvergabe selten vorkommt. Sie wird relevant, falls ein Anbieter eine automatisierte Zertifikatsvergabe anbietet.
Wenn ein Angebot vorliegt
Wenn du ein konkretes Angebot einordnen willst
Schreib uns, was dir vorliegt. Wir sammeln die Erfahrungen aus dem Camp und geben sie weiter, ohne selbst etwas zu verkaufen.
Kontakt aufnehmenDer Weg ohne Zertifikat
Wer keine externe Nachweispflicht hat, kommt ohne Zertifikat aus. Eine kurze Notiz mit Datum, Thema und Teilnehmenden zu jeder eigenen Schulungsrunde erfüllt denselben Zweck wie ein Zertifikat, nur ohne Kosten. Wie eine solche Runde konkret aussehen kann, zeigt der Beitrag zur ersten Stunde im Team.
Montags im Camp
Wenn du das einmal mit anderen ausprobieren willst
Im Social Impact Camp arbeiten wir jeden Montagabend an gemeinnützigen Vorhaben, und KI-Kompetenz entsteht dort ohne Zertifikat. Du kannst dazukommen, ohne Vorerfahrung und ohne Kosten.
Beim Camp mitmachenHäufige Fragen
Häufige Fragen zum Zertifikat für KI-Kompetenz
Verlangt Artikel 4 ausdrücklich ein Zertifikat?
Nein. Der Artikel verlangt Maßnahmen zur Förderung von KI-Kompetenz und lässt die Form des Nachweises offen.
Wofür kann ein Zertifikat trotzdem nützlich sein?
Für Bewerbungen, Förderanträge oder wenn ein externer Partner einen formalen Nachweis verlangt — unabhängig von der Rechtspflicht.
Reicht eine eigene Dokumentation als Nachweis?
Für den Zweck von Artikel 4 ja. Eine Notiz mit Datum und Thema zu jeder Runde erfüllt denselben Zweck wie ein Zertifikat.
Was ändert sich, wenn ein Zertifikat automatisch per KI vergeben wird?
Dann rückt die Frage näher an die Bewertung von Lernergebnissen heran, deren Betreiberpflicht seit dem Digital Omnibus ab dem 2. Dezember 2027 gilt. Das ist keine Compliance-Zusage, sondern ein Hinweis, den Einzelfall zu prüfen.


